„Diese Worte müssen verbreitet werden“ / Gedenken an Galens Protest gegen die NS-Euthanasie /
Mehr als 600 Zuhörerinnen und Zuhörer folgen gebannt der berühmten Schauspielerin Mechthild Großmann
Dinklage, Oldenburger Land, 23. Mai. Mehr als 600 Männer und Frauen folgten gestern (22. Mai) der Einladung der Pfarrei in die Pfarrkirche St. Catharina in Dinklage. Im Geburtsort des seligen Kardinals wird in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen des vor achtzig Jahren verstorbenen Clemens August Graf von Galen gedacht. Pfarrer André Ciszewski begrüßte insbesondere die bekannte Schauspielerin Mechthild Großmann. Die als Staatsanwältin Wilhelmine Klemm im Münster-Tatort bekannte Darstellerin trug die dritte der berühmten Predigten von Galen vor.
Ciszewski betonte die historische Tragweite der Predigt, die der Bischof am 3. August 1941 in Münster St. Lamberti hielt. Von Galen veröffentlichte und kritisierte darin aufs Schärfste die systematischen Morde an Menschen mit Behinderungen im Zuge der nationalsozialistischen „Aktion T4“. Historisch bedeutsam sei die Predigt deshalb auch, weil sie zeige, dass es innerhalb Deutschlands öffentliche sowie moralisch und rechtlich begründete Opposition gegen die nationalsozialistische Mordpolitik gab.
Großmann trug den historischen Text im Rahmen eines gemeinsamen Abendgebets vor, das Weihbischof Dr. Stefan Zekorn (Münster) leitete. Er hatte über ein gemeinsames Projekt in der Domstadt Kontakt zur Schauspielerin aufgenommen und später die Verbindung nach Dinklage hergestellt.
Die Resonanz war beeindruckend. Zunächst in zahlenmäßiger Hinsicht: Die ersten Interessierten aus Osnabrück saßen bereits mehr als eine Stunde vor Beginn in den Bänken. Viele weitere strömten danach in die Kirche, darunter auch Familienangehörige von Galens. Besonders bewegend war die emotionale Resonanz, die Großmann mit ihrem professionell intonierten Vortrag auslöste. Sie stieg unmittelbar in den Wortlaut ein: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass die geheime Staatspolizei auch in dieser Woche ihren Vernichtungskampf gegen die katholischen Orden fortgesetzt hat“, lautete der erste Satz. Es folgten 45 Minuten, in denen das Publikum in tiefer Stille lauschte. Großmann gab von Galens Worte eindringlich wieder. Er predigte über das Evangelium sowie die zehn Gebote, nannte Beispiele für die Opfer, thematisierte das deutsche Strafrecht und berichtete, dass er Anzeige erstattet hatte.
„Dann ist keiner von uns seines Lebens mehr sicher. Irgendeine Kommission kann ihn auf die Liste der ‚Unproduktiven‘ setzen, die nach ihrem Urteil ‚lebensunwert‘ geworden sind. Und keine Polizei wird ihn schützen und kein Gericht seine Ermordung ahnden und den Mörder der verdienten Strafe übergeben!“, stellte er fest. Und: „Meine Christen! Ich hoffe, es ist noch Zeit, aber es ist die höchste Zeit! Dass wir erkennen, noch heute, an diesem Tage, was uns zum Frieden dient, was allein uns retten, vor dem göttlichen Strafgericht bewahren kann: dass wir rückhaltlos und ohne Abstrich die von Gott geoffenbarte Wahrheit annehmen und durch unser Leben bekennen. Dass wir die göttlichen Gebote zur Richtschnur unseres Lebens machen und ernst machen mit dem Wort: lieber sterben als sündigen!“ (Die Predigt im Wortlaut ist hier abrufbar: https://archiv-galen.de/)
Auf die Predigt folgten Stille und Orgelmusik. Das Abendgebet wurde fortgesetzt. Erst dann, mit den Dankesworten des Pfarrers, brandete begeisterter Applaus für die schauspielerische Leistung Großmanns und – mutmaßlich – für die messerscharf formulierten Worte des Kardinals auf.
„Jeder darf es verteilen“, beantwortete Großmann später auf dem Kirchplatz die Frage, ob Aufzeichnungen ihres Vortrags verbreitet werden dürften. „Diese Worte müssen verbreitet werden“, betonte sie. Die Tonaufzeichnung ihres Vortrags werde noch bereitgestellt, berichtete Ciszewski. Sie mache es aus innerer Verbundenheit und als Verneigung vor dem Kardinal, erklärte die gebürtige Münsteranerin.
Der Jubiläumsausschuss der Pfarrei hatte einen Ausschankwagen auf dem Kirchplatz organisiert. Viele Gäste von nah und fern verweilten noch lange bei Kaltgetränken, netten Plaudereien und intensiven Gesprächen. Im Turm der Kirche ist zudem jetzt eine Wanderausstellung zum Kreuzkampf im Oldenburger Münsterland aufgebaut, die auf die mit Kardinal von Galen eng verbundenen Ereignisse im Jahr 1936 eingehen.
Johannes Hörnemann


