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Ostern 2026 - drei Tage in der Ukraine

21. April 2026 - Andreas Bröring

Spendenaktion vom Kolpingwerk Land Oldenburg - Interview von Andreas Bröring mit dem Geschäftsführer der Kolping Ukraine

Foto des Geschäftführers von Kolping Ukraine, Vasyl SavkaGroßansicht öffnen

Foto von Vasyl Savka

Anfang des Jahres hat das Kolpingwerk Land Oldenburg zu einer Spendenaktion für die Ukraine aufgerufen. Innerhalb von einem Monat wurden über 28.000 € gespendet. Am Ostermontag sind wir mit 6 Tonnen Hilfsgütern in die Ukraine zur Kolping Zentrale in Czernowitz gefahren. Hierbei hat uns die Initiative `Diepholz help Ukraine´ von Andreas Pörschke tatkräftig unterstützt. Er hat ein Fahrzeug bereitgestellt, uns damit auch begleitet und hatte auf Grund vieler eigener Fahrten in die Ukraine viel Erfahrung, die an den Grenzübergängen sehr nützlich war.

Wir sind unterwegs mit einer Kolpingdelegation aus dem Kolpingwerk Land Oldenburg, um den in den letzten Wochen vorbereiteten und zusammengestellten Hilfstransport an seinen Bestimmungsort, der ukrainischen Kolping-Zentrale in der Stadt Czernowitz zu bringen.
Neben Andreas Pörschke und seiner Lebensgefährtin besteht unsere Kolpingdelegation aus den Mitgliedern des zuständigen Landesfachausschuss `Internationalität & Eine Welt´ Björn Kinzel & Christian Freese, sowie von der Kolpingsfamilie Visbek Heiner Thölke und Andreas Bröring, Geschäftsführer im Kolpingwerk Land Oldenburg.
Die Anreise erfolgte über Polen zur ukrainischen Stadt Lwiw im Westen des Landes und von dort weiter nach Czernowitz im Südwesten der Ukraine. Nach dem Grenzübertritt in Polen in die Ukraine hinein, aktivieren wir die Luftalarm-App auf dem Handy. Während wir in den späten Abendstunden zu unserem Hotel in Lwiw fahren, können wir auf der Luftalarm-App verfolgen, wo derzeit im Osten der Ukraine Bomben fallen. Die Ukraine ist groß, aktuelle Kämpfe finden sehr weit weg von uns statt. Und doch, der Krieg beherrscht das Land. Wir fahren durch ein Land im Krieg.
Am nächsten Morgen fahren wir von Lwiw weiter in den Südwesten der Landes nach Czernowitz. In vielen Orten auf dem Weg dorthin sehen wir immer wieder Ehrenmäler und aufgestellte Tafeln mit Fotos gefallener Soldaten, wohl jeweils aus dem Ort, durch den wir gerade fahren. Viele Friedhöfe liegen unmittelbar an den Ortsdurchfahrtsstraßen und nicht selten erblicken wir eine Vielzahl neuer Gräber, alle mit einer ukrainischen Fahne versehen. In einigen Orten stehen zu die Namen der Gefallenen ein Todesdatum aus 2014 oder 2015. Es erinnert daran, dass der Krieg für die Ukraine schon damals begonnen hat, mit der Besetzung des Donbass und der Annexion der Krim. Ich frage mich, ob es Familien gibt, die nicht einen Angehörigen oder ihnen nahestehenden Menschen aus ihren persönlichen Umfeld betrauern.
Am Dienstagmittag werden wir in Czernowitz von Vasyl Savka, dem Geschäftsführer von Kolping Ukraine, empfangen. Im Gepäck haben wir 400 Hilfspakete für Familien mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, zusätzlich 5 Powerstation im Wert von je ca. 1.100 €. Nach dem Entladen unserer Pakete haben wir Gelegenheit zu einem längeren Gespräch und Gedankenaustausch mit Vasyl Savka.

Gespräch mit Vasyl Savka am 07. April in der Kolping Zentrale in Czernowitz

Eine Frage vorab: Woher sprichst Du so gut Deutsch?
Ich habe Germanistik studiert vor 25 Jahren. Ich bin ausgebildeter Sprachwissenschaftler, aber habe nie etwas damit zu tun gehabt. Kolping ist mein erster Job. Ich bin seit 2004 bei Kolping und habe als Bildungsreferent angefangen. Seit 2005 bin ich Geschäftsführer für Kolping in der Ukraine.

Was passiert mit den Hilfsgütern, die wir jetzt hergebracht haben?
Wir haben mehrere große Sprinter und dann organisieren wir die Hilfstransporte entweder nach Mykolajiw oder in die Region. Und wir fahren in Dörfer und dann verteilen wir die Sachen für die Familien.

Wissen die Menschen vorab, dass ihr kommt?
Ja. Es ist nicht immer so einfach dort hinzukommen. Wir kommen manchmal sehr nah an die Frontlinie, 10 – 15 km von der Frontlinie entfernt. Und da leben immer noch die Leute. Und dann müssen wir das immer mit der Polizei machen. Die kommen mit diesen Funkstörungsanlagen und begleiten uns. Und die haben das organisiert. Denn sonst kommt keiner. Du kannst da nicht einfach hinfahren und die Hilfsgüter rausgeben. Du musst das irgendwie organisiert haben, sonst klappt das nicht. Wir besprechen das mit den Bürgermeistern oder wie sie sich in den Dörfern nennen. Und dann organisieren sie vor Ort, dass die Menschen kommen, wenn wir mit den Sprintern eintreffen.

Und die sagen dir dann vorher, wir brauchen 30 Kartons für 30 Familien?
Ja, ich habe eine Liste. Wie viele Familien da sind mit vielen Kindern und dann entscheiden wir, ob wir auch Süßigkeiten mitnehmen oder nicht. Wir waren in einigen Dörfern, wo es schon vor dem Krieg schlecht war. Da brauchte man keinen Krieg. Da gibt es keinen Job, da gibt es nichts. Und mit dem Krieg sind da noch sehr viele Flüchtlinge hinzugekommen. Da hat z. B. das Rote Kreuz mit geförderten Programmen der Vereinten Nationen Flüchtlingslager gebaut. Aber da kommt keine humanitäre Hilfe an. Und die freuen sich selbstverständlich sehr, wenn wir ihnen etwas bringen können. Dadurch hat eine Familie nicht für den ganzen Monat, aber schon für einige Zeit etwas zu essen.

Wir haben im Vorfeld fertige Kartons für jeweils eine Familie gepackt. Die Sachen, die bei euch im Lager stehen und nicht in Kartons verpackt sind, z. B. eine Palette Öl oder eine Palette Mehl, da kann eine Familie ja nichts mit anfangen. Was macht Ihr damit?
Doch, schon. Wir geben den Familien zu den Familienpaketen dann noch ein Liter Öl, ein Kilo Mehl und auch ein Notstromaggregat. Aber die von Euch gepackten Familienpakete sind die beste Lösung.

Wir haben unten im Lager u. a. große 25 kg Säcke Mehl stehen sehen. Die eignen sich ja nicht für die Familienpakete. Wofür werden diese Dinge benötigt?
Zum Teil wird das hier gebraucht in der Kolping Suppenküche, aber zum Teil, wenn wir Hilfstransporte z. B. nach Cherson, Nikopol oder Charkiw unternehmen, dann bringen wir das auch zu die Menschen.

Als wir in Deutschland erzählt haben wir bringen Lebensmittel in die Ukraine, da waren einige überrascht und haben gefragt, wieso Lebensmittel? Brauchen sie nicht viel mehr Arzneimittel und Hygieneartikel?
Wir haben in der Mykolajiw-Region ein kleines Dorf. Da hat die Bürgermeisterin die Menschen gesammelt irgendwo im Feld, am Ende der Welt. Und da sind die Menschen gekommen und haben die Lebensmittel abgeholt. Man kann diesen Menschen ansehen, dass es ihnen nicht gut geht. Wir haben da nirgendwo ein Lebensmittelgeschäft gesehen. Dann müssen die Menschen irgendwo in einen Nachbardorf gehen, um sich Lebensmittel zu kaufen. Diese Menschen haben mir gesagt, ihr seid die ersten seit zwei Jahren, die zu uns gekommen sind. Wir fahren immer mit 2 bis 3 Fahrzeugen und besuchen einige Orte, nicht nur ein Dorf. Diese Fahrten dauern sehr lange, da wir Strecken von bis zu 800 km z. T. über Feldstraßen zurücklegen. Wir fahren in jedem Fahrzeug mit zwei Personen und dann kommen dort vor Ort Polizisten, die uns helfen.

Zeitweise bestand die Sorge, dass die Hilfe aus dem Ausland nachlässt, weil der Krieg schon so lange dauert und droht aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu geraten. Wie erlebst Du das?
Ich hatte wirklich Angst im Frühjahr 25 bis ungefähr August 25. Bis dahin war es immer so bei uns, dass wir über Kolping in Rumänien alle zwei Wochen einen Hilfstransport bekommen haben, dann plötzlich nur noch einen Transport in zwei Monaten und dann einen in drei Monaten. Da habe ich mir gedacht, okay, das ist jetzt das Ende. Aber dann kamen mit den Johannitern, dem Rotary-Club und mit Kolping wieder Transporte und das geht bis heute so weiter.

Du hast erzählt, im letzten Winter fiel die Energieversorgung zeitweise 18-20 Stunden aus. Es gibt dann kein Licht, keine Heizung und kein Warmwasser. Betrifft das dann immer die ganze Ukraine oder wie haben wir uns das vorzustellen?
Ja überall. Egal, ob wir hier beschossen werden oder nicht. Wir haben in der Ukraine ein einheitliches Netzwerk. Und wenn dann irgendwo ein Verteilungstrafo zerstört oder vernichtet wurde, dann muss dieses Netzwerk ausglichen werden. Und dann schalten sie es aus und du hast Strom nur noch in Intervallen. Du hast dann 2 Stunden mit Strom, 4 Stunden ohne Strom. Aber nicht jeden Tag das Gleiche. Also das heißt, heute von 6:00 Uhr bis 9:00 Uhr ohne Strom, dann eine Stunde mit Strom. Aber morgen wird das anders sein. Man kann sich nie darauf verlassen, ob und wann man Strom hat. Deshalb stehen vor vielen Häusern die Notstromaggregate. Wenn man im Winter durch die Straßen geht, ist überall Lärm durch die Aggregate.

Du hast vorhin schon die Suppenküche erwähnt, die Kolping hier betreibt. Seit wann gibt es diese Suppenküche, wie viele Menschen werden dadurch mit einer warmen Mahlzeit versorgt und wo woher kommen die Menschen zu euch?
Die Suppenküche gibt es seit Kriegsbeginn, seit dem 26. Februar 2022, also am zweiten Tag des Krieges haben wir angefangen. Und sie funktioniert bis heute. Die Menschen, die zu uns kommen, essen hier nicht, sondern wir geben ihnen eine Mahlzeit mit. Das, was ihr heute hier esst, ist das, was auch die Flüchtlinge essen. Jeden Tag bereiten wir ein Essen mit Suppe, Salat und Hauptgericht vor für 550 Menschen.
Die Menschen, die zu uns kommen, kommen aus der ganzen Ukraine. Es sind Flüchtlinge, die jetzt in Czernowitz wohnen. Es gibt Flüchtlingszentren da wohnen 200 Personen. 

Auch Binnenflüchtlinge, die hier gestrandet sind und dann ebenfalls von Euch über die Suppenküche mit Essen versorgt werden?
Ja! Und dann kommen einige Leute, die irgendwo in der Stadt wohnen, die sich Wohnungen mieten.

Wie kümmert sich der Staat um diesen Menschen?
Wir haben erste Erfahrungen mit Flüchtlingen 2015 gemacht, nachdem Russland 2014 die Krim annektiert und den Donbass besetzt hat. Als der große Krieg 2022 begonnen hat, da war mein erster Gedanke, wir werden viele Flüchtlinge bekommen und selbstverständlich werden sie Essen brauchen. Gerade am Anfang war das ein riesiges Chaos.
Hierzu eine Geschichte. Wir haben mit einer Schule gesprochen, die haben uns kostenfrei eine Sporthalle und noch zwei Räume zur Verfügung gestellt mit mehr als 150 Quadratmeter. Aber die Räume waren in einem schlechtem Zustand. Zusammen mit Renovabis, mit Kolping und anderen Unterstützern haben wir diese Räumlichkeiten renoviert. Wir haben Möbel bestellt, Matratzen und alles, was dazugehört wurde uns durch IKEA in Rumänien gespendet. So haben wir da eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet, die 60 Personen Platz bot. Wir haben Toiletten, Duschen, alles für sie eingerichtet, bis hin zu Laptops. Den ganzen Tag gab es jemand an denen sie sich wenden konnten, um irgendwelche Probleme zu lösen. Das hat ein Jahr gedauert und im August 2023 wurden wir von der Stadtverwaltung rausgeschmissen aus der Schule. Die Räumlichkeiten wurden vor uns nicht genutzt, da bis zum Fußboden hin alles kaputt war, bevor wir es renoviert haben. Ich bin zum Bürgermeister und habe ihn gefragt, wo müssen jetzt die 60 Menschen hin? Er hat mir gesagt, wir haben ein Containerstadt gebaut irgendwo am Stadtrand für 12 Personen. Und die anderen 48? Wir werden ein Hochhaus bauen. Bis heute gibt es dieses Haus nicht. Das ist nur ein Beispiel, wie weit sich um die Menschen kümmert wird. 

Wie schätzt du die Situation nach vier Jahre Krieg ein. Es ist ja kein Ende Sicht. Was glaubst du, wo geht das hin? Und wie lange könnt ihr noch durchhalten?
Durchhalten? Durch Menschen und Hilfe wie euch. Aber wie das ausgeht, darauf hat keiner eine Antwort. Es hat jemand gesagt, wenn wir zu kämpfen aufhören, dann verlieren wir das Land. Wenn Putin mit dem Krieg aufhört, dann ist der Krieg zu Ende. Wir haben das nicht angefangen. Wir haben nichts gemacht. Es gibt keine Lösung für das Problem. Dank Putin gibt es wie mit Nawalny auch keine Opposition mehr.

Kann man sich an Krieg gewöhnen?
Ja. Du reagierst nicht mehr so emotional auf Nachrichten. Wir reagieren überhaupt nicht mehr auf Luftalarm.

Wie oft ist hier in Czernowitz Luftalarm?
Fast jeden Tag, je nachdem und normalerweise nachts immer. Aber in den letzten paar Wochen gab es auch tagsüber Luftalarm. In Kiew haben sich die Leute gleich daran gewöhnt. Es finden auch gezielt Angriffe auf die Zivilbevölkerung statt. Das ist purer Terror.

Wir haben auf dem Weg hierher überall auf den Friedhöfen oder auch in den Städten viele Ehrenmäler gesehen. Und auf den Friedhöfen sieht man viele ukrainische Fahnen. Gibt es eine ungefähre Zahl der Toten?
Das weiß keiner, aber jeder versteht, dass es um hunderttausende Tote geht. Aber offiziell wird nichts gesagt.

Vorhin haben uns ein paar Leute beim Ausladen geholfen. Einer, mit dem wir gesprochen haben hat gesagt, er muss nicht an die Front, weil sein Bruder vermisst ist. Er war an der Front und dann wurde sein Bruder vermisst und nun muss er nicht mehr hin?
Er hat für Kolping gearbeitet und dann wurde er einberufen. Keiner weiß, was mit seinem Bruder passiert ist. Aber seitdem er vermisst wird, braucht er nicht mehr an die Front. Aber das ist nicht in allen Fällen immer so.

Es hat uns beim Ausladen auch ein Arzt geholfen, der gerade auf Heimaturlaub ist. Wenn er in zwei Wochen wieder an die Front muss, wann kann er das nächste Mal nach Hause?
Wie alle anderen auch hat er 30 Urlaubstage im Jahr. Er ist vor ein paar Tagen gekommen, um seine Frau und seinen Sohn zu treffen, die heute in Augsburg leben und ihn nun hier in Czernowitz besuchen.

Es gibt immer wieder Berichte, dass Menschen auf der Straße abgefangen werden und dann zum Militär müssen. Wer macht so etwas?
Zwischen 25 und 60 Jahren kannst du eingezogen werden. Als Freiwilliger z. B. bei humanitärer Hilfe bist du nicht frei von der Armee. Es gibt internationale NGOs (Anm.: Nichtregierungsorganisation), wie das Rote Kreuz oder Caritas deren Mitarbeiter davon befreit werden können. Für einen Freiwilligen bei Kolping trifft das nicht zu. Mein guter Freund wurde auch in der Straße gefangen und mitgenommen. Es gibt mobile Checkpoints, auch nicht weit von meinem Haus steht ein Checkpoint. Da steht Polizei und Militär und die halten jedes Auto an. Wenn sie sehen, da ist eine Frau, okay. Aber sonst jeder wird gestoppt. Es gibt eine App `Reserve Plus´. Und dort wird nachgeschaut, ob es einen Grund gibt, warum du nicht eingezogen wirst. Gibt es den nicht, dann bleibt dein Auto stehen, du steigst in den Bus ein und fährst zum Militärkommissariat und am nächsten Tag bist du schon beim Training.

Wird dabei auch Gewalt angewendet? In Videos ist das manchmal zu sehen.
Okay, das sind Einzelfälle, das bezweifle ich nicht. Also ich fahre sehr viel. Ich habe sehr viele Freunde. Ich habe das persönlich kein einziges Mal gesehen. Also das, was in die Medien kommt, sind Einzelfälle, um die Bevölkerung gegen die Polizei und das Militär aufzubringen. Auch ich wurde ein paar Mal gestoppt. Ich habe meine Dokumente gezeigt und wurde nicht gefangen genommen.

Wie gespalten ist das Land nach vier Jahren Krieg?
Zu Beginn des Krieges konnte man vor dem Militärkommissariat, an dem ihr vorhin vorbeigefahren seid, eine Schlange von Menschen stehen sehen, da musstest du mehrere Stunden anstehen, um dich für den Militärdienst anzumelden. Besonders im Westen gab es viele Patrioten. Sie waren die ersten, die den Osten verteidigt haben. Das ist zu Ende. Aber im Osten hat man solche Schlangen und Patrioten seltsamerweise nicht gesehen. Viele haben in Russland gearbeitet und sind dort hingefahren zum Einkaufen. Der Krieg spaltet auch die Menschen hier im Land.

Welche Rolle spielen die Kirchen in diesem Zusammenhang?
Ganz viel hat das mit der Kirche zu tun, mit der russisch-orthodoxen Kirche. Die Menschen glauben, was der Patriarch sagt. Ein sehr guter Freund von mir, hat drei Jahre gedient, zwei Jahre davon an der Front. Er hat sein ganzes Leben Russisch gesprochen. Mit Anfang des Krieges kein Wort mehr, nur noch ukrainisch. Seine Mutter, meine damalige Lateinlehrerin, ist russisch- orthodox. Und die sagt, dass Russland uns nicht angegriffen hat, obwohl ihr eigener Sohn in der Armee war. Sie sagt, das ist nicht wahr. Sondern die Ukraine hat Russland provoziert.
Ich bin griechisch-katholisch und mein Freund hat mich als Taufpate für seine Tochter eingeladen. Seine Mutter hat ihm das verboten, weil ich der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche angehöre. Und wir sind beste Freunde. Er ist wie ein Bruder für mich. Es geht ein Riss mitten durch die Familien.

Das hört sich danach an, dass der Krieg in der Ukraine auch ein Kampf der Kirchen ist, wo die russisch-orthodoxe Kirche mit der Unterstützung von Putin ein eigenes Interesse an diesem Krieg hat. 
Die Kirche spaltet tatsächlich bis heute die Gesellschaft. Wenn ein gefallener Soldat nach Hause gebracht wird, dann wird er nicht in der russisch-orthodoxen Kirche beerdigt, weil er ukrainischer Verteidiger ist. 

Wenn dein Freund getötet worden würde, dürfte der demnach nicht in die russisch-orthodoxe Kirche, obwohl er der Kirche angehört?
Ja. Da findet man so viele Fälle hier.

Wie hält man das aus? Wie hält ein Volk, eine Gesellschaft das aus?
Am Anfang war die Gesellschaft sehr einig. Aber jetzt?
Aber wir haben keine Angst, dass Putin bisher kommt (Anm.: nahe der süd-westlichen Grenze). Das kann er nicht. Keiner kann das. Keine Armee kann bis hier kommen. Das ist rein aus der Militärtheorie nicht möglich. Die zweitgrößte, zweitstärkste Armee der Welt (Anm.: Russland), bittet die erste Armee der Welt (Anm.: USA) die 22. größte Armee der Welt zu überzeugen, dass sie ihre Raketen nicht nach Russland schicken. Sie können es nicht. Russland hat in gesamten Krieg keine große Stadt erobert mit so einer Macht.

Denkt Russland, denkt Putin nicht auch in viel längeren Intervallen, dass irgendwann die Kriegsfront eingefroren wird und das, was bis dahin besetzt worden ist, an Russland fällt? Und dann bauen sich die Armee wieder auf und in zehn Jahren kommt der nächste Krieg?
In dieser Zeit bauen auch wir unsere Armee wieder auf. Ich denke nicht, dass die NATO irgendwas machen wird. Und Putin will keinen Waffenstillstand. Er will einen Friedensvertrag. Denn im Waffenstillstand bleiben alle da, wo sie stehen. Und in jeder Zeit kann die ukrainische Armee wieder nach vorne gehen. Am Anfang war die ukrainische Armee unheimlich schwach. Die Demilitarisierung war offizielles Ziel. Vor kurzem aber hat jemand aus den baltischen Ländern gesagt, wir alle sprechen über Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Aber wir müssen die Sicherheitsgarantien von der Ukraine bekommen, weil sie heute die stärkste Armee in Europa ist. Und weil sie sich extrem weiterentwickelt hat. Wir sind viel stärker.

Glaubst Du nicht, dass es irgendwann eine Situation gibt, dass den Ukrainern ein wie auch immer gearteter Waffenstillstand, Friedensvertrag aufgezwungen werden kann?
Ja, das kann sein. Das kann passieren. Aber das wird Stillstand sein. Das wird kein Friedensvertrag. Es wird nicht anerkannt, dass zum Beispiel Donbass und Krim Russland angehört.

Und dann?
Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist, wenn Russland zerfällt, also die russische Föderation zerfällt. Das könnte passieren durch Schwächungen der Wirtschaft, der es sehr schlecht geht. Keiner weiß gegenwärtig, wie es in Tschetschenien weitergeht. Wenn Diktator Kadyrow nicht mehr da sein sollte, wird Tschetschenien ins Chaos stürzen. Sein Sohn wird von keinem anerkannt. Und das könnte sich auf Russland auswirken. Und dann wird Tschetschenien, das kleine Tschetschenien, das ganze Russland ins Chaos werfen. Die wirtschaftliche Krise kann für Russland ein Ende sein. Die Chance ist wirklich niedrig, aber sie ist da. Dazu muss man die Mentalität der Russen verstehen. Die Russen brauchen einen Zar.  Sie sind Sklaven von Natur aus. 

Kolping in der Ukraine ist ja relativ klein. Wie kann man dann so lang so eine Hilfe koordinieren? Gibt es viele Leute, die euch helfen, ohne dass sie was mit Kolping an sich zu tun haben und wie viele Mitglieder hat Kolping eigentlich noch hier in der Ukraine?
Die humanitäre Hilfe von Kolping für unser Land wird von hier aus koordiniert mit nur ein paar Personen. Unterstützt werden wir von der Polizei, dem Militär, einigen Freiwilligen und Partnern, die zu uns halten. Wir sind nur 500 Kolpingmitglieder, vielleicht jetzt noch weniger. Kolpingsfamilien gibt es mehrere, die entfernteste in Dnipro, 1500 Kilometer von Czernowitz entfernt. Aber wir sind hier und wir sind sehr stark.
Vor dem Krieg haben wir keine humanitäre Hilfe gemacht. Kolping Ukraine hatte damit gar nichts zu tun. Noch immer realisieren wir Projekte, die vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) finanziert werden zusammen mit KOLPING International. Wir beschäftigen uns mit Menschen mit Behinderungen, also Autismus, Down-Syndrom, Kinder Zerebrale Lähmung. Wir haben einige Rehabilitationszentren, haben neue Tagesstätten für Menschen mit Behinderungen und betreutes Wohnen für erwachsene Autisten, wo jährlich mehr als 5000 Menschen Unterstützung bekommen. Dann haben wir zehn Senioren Universitäten mit gut 1200 Studentinnen und Studenten, für 50plus Menschen, vergleichbar mit Volkshochschulen in Deutschland, wo sie kostenlos Geschichte, Fremdsprachen oder Computer lernen können. Wir haben einige Unterstützungsprogramme für Territorialgemeinden bei ihren Dezentralisierungsprozess. Für all das bekommen wir auch Unterstützung von Städten und Regionalverwaltungen.

Darfst du nach Deutschland fahren? 
Ich war 2023 letztes Mal bei der Generalversammlung von KOLPING International. Und ich nehme an, ich werde in diesem Sommer fahren dürfen. Also so haben mir meine Freunde versprochen. Neben den Kolpingkontakten möchte ich vor allem meinen Bruder besuchen. 

In Deutschland bist du für Kolping das Gesicht der Ukraine. Gibt es eigentlich auch in Nationalpräses?
Selbstverständlich! Wir sind ein normaler Kolpingverband. Unser Präses ist in Lemberg (Anm.: Lwiw). Der Vorsitzende ist aus Transkarpatien und ich als Geschäftsführer und Nationalsekretär in Czernowitz, also über die ganzen Ukraine verteilt.

Hast Du noch Kontakt zu Deinem Bruder?
Mein Bruder ist seit zwei Jahren in Deutschland. Er hat drei Kinder und durfte deshalb das Land verlassen. Seine Tochter hatte tatsächlich Probleme mit der Psyche. Sie hatte Panikattacken und die Ärztin hat gesagt es sei besser das Land zu verlassen. Sie hatte wirklich ganz starke Angst. Sie war damals 15 Jahre, die Geschwister 6 Jahre und 8 Monate.

Denkst du, dass sie wiederkommen? Denkst du, dass überhaupt viele wiederkommen werden, wenn mal Frieden sein sollte?
Noch vor zwei drei Jahren hätte ich gesagt, dass etwa 60 oder 50 Prozent wiederkämen, aber jetzt, wenn vielleicht 15 % zurückkehren? Nehme ich mal als Beispiel den Fall meines Bruders. Die älteste Tochter, die wird jetzt an die Uni gehen und studieren. Die mittlere Tochter geht jetzt in eine deutsche Schule seit drei Jahren. Der Krieg endet morgen nicht. Sie wird dann weiter Unterstützung brauchen, weil sie dann z. B. in die Hochschule gehen will. Der kleinste Sohn geht jetzt in den Kindergarten und wächst mit der deutschen Sprache auf.
Mein Bruder hatte ein Business, gehörte der Mittelschicht an, hatte eine eigene Firma, einen guten Job und ein gutes Einkommen. Er hat hier alles verloren. Er hat sich in Deutschland zum Industrieelektriker weiterbilden lassen. Warum soll er zurück? Er hat eine schöne Wohnung.

Wie wird in der Ukraine Selenskyj gesehen?
Als Präsident! Vor dem Krieg, ich war gegen ihn. Aber jetzt, finde ich, ist er ein guter Präsident. Also ist mein Präsident. Auch er macht Fehler, aber alle machen Fehler. Ein Problem ist die Korruption in unserem Land und auch im Umfeld von Selenskyj. Ich glaube nicht, dass Selenskyj korrupt ist aber viele in seiner Umgebung.

Gibt es auch Frauen in der Armee?
Ja. Viele, aber noch freiwillig. Einberufen werden sie nicht. Es gibt kein entsprechendes Gesetz. Sie können in die Armee, aber freiwillig.

Wie wird sich die Lage aus Deiner Sicht weiter entwickeln?
Ja, das Problem wird sein, also mit den Jungs, die von der Front zurückkehren, nach dem Krieg oder auch jetzt, die haben hohe Standards für die Moral. Und die sind bewaffnet. Es gibt so viele Waffen jetzt. Du gehst in den Wald und findest eine Kalaschnikow. Es gibt jetzt schon sehr viele Fälle mit Waffen, mit Granaten, mit allem Möglichen im Zivilleben. Es sind extrem viele unregistrierte Waffen im Umlauf. Wenn du zum Beispiel irgendwo in Charkiw oder in der Mykolajiw-Region in den Wald gehst und eine Kalaschnikow gefunden hast, nimmst Du diese mit. Du gehst zur Polizei und sagst ich habe es gefunden und du darfst diese behalten. Du deklarierst die Waffe und bekommst eine Bescheinigung, die Registrierung, und bis zum Ende des Krieges kann die Waffe in Deinem Besitz bleiben. Nach dem Krieg kannst du die Waffe bei der Polizei abgeben oder bei dir lassen. Hinzu kommen alle unregistrierten Waffen.

Auch nach dem Kriegsende wird es also weitere Unruhen geben?
Ja, Probleme wird es geben. Sehr viele Menschen sind tief traumatisiert. Das kann zu neuer Gewalt führen. Deshalb sehen wir es als eine wichtige Aufgabe, hier zu helfen. Wir haben vor zwei Jahren einen Kurs für Traumatherapie gestartet, wo wir mit traumatisierten Menschen aus der Zivilbevölkerung oder dem Militär arbeiten werden. Wir arbeiten hier mit einer deutschen Organisation, der Stiftung Wings of Hope, zusammen. Hierüber wurden bereits aus Mangel an eigenen qualifizierten Traumafachkräften 30 Menschen ausgebildet, die schon heute für uns mit Menschen arbeiten, die eine posttraumatische Belastungsstörung haben. Und Kolping ist eine von wenigen Organisationen, die mit der Ausbildung von Traumafachkräften angefangen haben. So konnten bereits rund 300 Menschen mit Traumaarbeit begleitet werden.

Es gibt Berichte über viele russische Häftlinge, Schwerverbrecher, die freigelassen wurden und zwei Jahre an der Front waren und nun wieder nach Hause kommen und eine große Gefahr darstellen.
Deshalb ist es für Putin wichtig, dass der Krieg weitergeht, bis die alle an der Front sterben. Wenn die alle plötzlich zurückkommen und die diese Macht mal gespürt haben und jetzt Waffen haben, was für Chaos wird dann in Russland sein?

Was hört man eigentlich, wer kämpft denn jetzt für Russland?
Da sind Nordkoreaner dabei, auch Schwarzafrikaner, die da kämpfen, Ja, aber auch bei uns kämpfen Menschen aus anderen Ländern, z. B. aus Kolumbien. Aber auch einige Russen kämpfen für uns, die dem RDK (Anm.: dem Russischen Freiwilligenkorps) angehören und aus russischen Staatsbürgern bestehen, die auf der Seite der Ukraine kämpfen. Wir haben hier eine Fahne einer internationalen Legion hängen, aber die sind freiwillig gekommen. Und dann gibt es russische Separatisten, die in Russland gegen Russland kämpfen.

Schönen Dank für das breit gefächerte Gespräch mit den vielen Einblicken in die ganz unterschiedlichen Themen, die euch hier tagtäglich beschäftigen. Wir wünschen Dir alles, alles Gute und viel Kraft für die weitere Zukunft. Und wenn du demnächst wirklich mal länger nach Deutschland kommst, bist du herzlich eingeladen zu uns zu kommen.

Am späten Nachmittag treten wir unsere Rückreise an. Wir fahren zurück, nach Hause, in dem Bewusstsein, das unsere Fahrt neben der Bereitstellung der durch Spenden finanzierten Hilfsgüter noch mehr im Gepäck hatte. Mit jeder Spende, mit jedem Paket zeigen wir den Menschen in der Ukraine, die um das Recht kämpfen, als Volk und als eigenständiger Staat weiter existieren zu können, dass wir diese Menschen und ihren Überlebenskampf auch nach über vier Jahren Krieg nicht vergessen und aus dem Blick verloren haben. Neben Nahrung setzt unser Besuch vor Ort das Zeichen, wir stehen auch weiter an Eurer Seite! Selten zuvor hatte der Bibelspruch `der Mensch lebt nicht vom Brot allein´ in seiner Bedeutung eine solch klare Botschaft!

Zwei Tage, nachdem wir wieder zu Hause sind, schickt Vasyl Savka einige Fotos. Die ersten 120 Hilfspakete sind verladen und ausgeliefert. Sie werden nach Dnipro und Charkiv gebracht und Familien und ihren Kindern in den Dörfern und Regionen, irgendwo im Osten der Ukraine, übergeben.

Mehr Informationen unter www.kolping-land-oldenburg.de und auf Instagram kolpingwerk.land.oldenburg

Andreas Bröring