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Wie 17 Südoldenburger Reiter zu Staatsfeinden wurden

04. November 2026

Vortrag zu den Ereignissen des Kreuzkampfes und zum Wallfahrtsort Bethen

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Männerwallfahrt in Bethen mit Bischof von Galen am 12. August 1934

Foto von PD Dr. Maria AnnaGroßansicht öffnen

„Beim Kreuzkampf ging es nicht nur um ein Symbol“, erklärte PD Dr. Maria Anna mit ernsten Worten.

Bethen, Oldenburger Land, 2. November. Die katholische Kirche im Oldenburger Land, die Landkreise Vechta und Cloppenburg und die Stadt Cloppenburg erinnern in diesem Jahr an die Ereignisse des Kreuzkampfes vor 90 Jahren. Als 1936 im Oldenburger Münsterland die Kreuze aus den Schulen entfernt werden sollten, wurde Protest laut. Der Kreuzkampf wurde als Volksaufstand zum sichtbaren Zeichen einer Gesellschaft, die aus dem Glauben heraus Haltung zeigt – mutig, öffentlich und mit klarer Überzeugung.

Privatdozentin Dr. Maria Anna Zumholz, eine versierte Kennerin der Ereignisse, hielt am Sonntag (1. November) einen Vortrag dazu in der St.-Marien-Basilika. Sie machte deutlich, dass der Kreuzkampf kein isoliertes Ereignis gewesen sei, „er hatte eine Vorgeschichte und er endete nicht mit der siegreichen Versammlung in der Münsterlandhalle [Cloppenburg].“ Eine wichtige Rolle im Kreuzkampfgeschehen habe Bethen gespielt. Sie beschrieb den Wallfahrtsort „als religiöses Zentrum des Oldenburger Landes mit einer wundertätigen Pieta, zu der Menschen bis heute mit ihren Sorgen und Nöten pilgern.“ „Beim Kreuzkampf ging es nicht nur um ein Symbol“, erklärte die Dozentin. „Die Nationalsozialisten wollten die christlichen Bekenntnisschulen durch nationalsozialistische Gemeinschaftsschulen ersetzen, um so die Jugend in den Schulen nationalsozialistisch zu erziehen und den Einfluss von Eltern und Kirchen auf die Kinder möglichst auszuschalten.“

Als wesentlich für die Vorgeschichte des Kreuzkampfes beschrieb Zumholz den 12. August 1934. Mehr als 25.000 Männer demonstrierten in Bethen gegen die Morde im Kontext des Röhmputsches, von dem auch prominente Katholiken betroffen waren. „Als einziger deutscher Bischof protestierte Bischof Clemens August von Galen öffentlich gegen diese Morde, indem er in Bethen predigte“, referierte die Historikerin. Sie zitierte Galens Worte: „Mord ist es, wenn man das Gebot Gottes übertritt: Du sollst nicht töten! Der Leib und seine Unversehrtheit ist ein Recht, das Gott bewahrt und schützt! Niemand darf freventlich in dieses Recht eingreifen, niemand einen Menschen unschuldig an Leib und Seele strafen.“  Adolf Hitler, der Reichskanzler des Deutschen Reiches, sei damit gemäß katholischer Auffassung ein Mörder gewesen, schlussfolgerte Zumholz.

Nur kurze Zeit später weigerten sich junge Männer aus Bethen, Varrelbusch, Stapelfeld, Resthausen, Schmertheim und der Gemeinde Emstek, einen Eid auf Adolf Hitler abzulegen. Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, hatte im Sommer 1934 Reitervereine im Land Oldenburg zwangsweise in die Reiter-SS eingegliedert, darunter die ländlichen Reitervereine des Amtes Cloppenburg. Verbunden mit der Eingliederung in die SS sei ein Eid auf den Führer Adolf Hitler gewesen. Anfang September 1934 meldete das Geheime Staatspolizeiamt Oldenburg nach Berlin: „Im Münsterlande haben 17 SS-Männer von einem kürzlich aufgestellten Reitersturm dem Führer den Treueid verweigert. Sie sind festgenommen und dem Konzentrationslager (KZ) zugeführt worden.“

Zu diesen Männern gehörten Einwohner aus Bethen und Varrelbusch. „Sie konnten es ganz offensichtlich nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, einen Eid als eine feierliche Anrufung Gottes auf einen Mörder abzulegen“, schilderte Zumholz weiter. Die jungen Männer hätten sich auch durch die KZ-Haft nicht umstimmen lassen, sie seien zu Staatsfeinden geworden.

„Der allgemeine Zorn über die Maßnahmen gegen die jungen Reiter ließ sich an Wahlergebnissen ablesen“, erklärte Zumholz. Der Cloppenburger Amtshauptmann August Münzebrock kommentierte das Ergebnis der Volksabstimmung über die Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten vom 19. August 1934: „Der schlechte Wahlausfall in den ländlichen Bezirken der Stadt Cloppenburg ist jedenfalls auf die Verhaftung der jungen SS-Reiter […] zurückzuführen, die hier sehr böses Blut gemacht [hat].“

Im späteren Kreuzkampf spielte der Wallfahrtsort Bethen mehrfach eine zentrale Rolle, führte Zumholz aus. Erst durch den Sevelter Kaplan Franz Uptmoor habe die Protestbewegung gegen den Kreuzerlass richtig Fahrt aufgenommen, trug sie vor. Kaplan Uptmoor hielt in Bethen im Herbst 1936 anlässlich des Kriegergedächtnistages vor 4.000 ehemaligen Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges eine kämpferische Predigt, in der er dazu aufrief: „Treu dem Heiland, mag kommen, was da will und wer da will!“ 

In Bethen waren mit den ehemaligen Soldaten Männer aus allen Gemeinden des Oldenburger Münsterlandes versammelt.  Sie hätten die Protestbewegung entscheidend beeinflusst: Habe es zuvor schon schriftliche Proteste von Einzelpersonen oder von Gruppen gegeben, hätten sich danach delegierte Abordnungen aus den Gemeinden nach Oldenburg aufgemacht. Diese sollten bei Kirchen- und Schulminister Julius Pauly persönlich gegen die Pläne protestieren, Kreuze aus den Schulen zu entfernen.

„Da politische Proteste gegen diese Gestapomaßnahmen keinen Erfolg versprachen, kam der Gedanke auf, den ‚Kampf mit den Waffen des Gebets‘ zu führen und einen religiösen Gebetsfeldzug zum Marienwallfahrtsort Bethen durchzuführen“, sagte die Referentin. Über einen Monat lang hätten sich trotz widriger Wetterbedingungen Gruppen auf den Weg gemacht. Insgesamt seien mehr als 15.000 Menschen nach Bethen gekommen. Sie „demonstrierten auf diese Weise öffentlich ihren Protest gegen die unchristlichen und gewalttätigen Maßnahmen der Nationalsozialisten und baten die Gottesmutter um Hilfe für die Verhafteten und ihre Angehörigen,“ hieß es im Vortrag.

Der Expertin zufolge habe das NS-Regime die Prozessionen nach Bethen und die Gottesdienste dort zu Recht als „versteckten Kampf geführt gegen die nationalsozialistische Weltanschauung, gegen den Staat und seine Einrichtungen“ gewertet. Bis zum Ende der NS-Herrschaft seien viele Menschen nach Bethen gepilgert, um dort Hilfe und Trost in schwierigen Zeiten zu finden, unterstrich die Forscherin schließlich. Damit hätten sie den vielfältigen Einschränkungen getrotzt, mit denen das Wallfahrtswesen und Prozessionen unterbunden werden sollten.

„Nach dem Krieg wurde Bethen zu einem identitätsprägenden und -stiftenden Erinnerungsort des Oldenburger Münsterlandes an den siegreichen Kreuzkampf“, schloss Zumholz.

Johannes Hörnemann